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"Niemals Gewalt!"
Die Rede, die Astrid Lindgren bei der Entgegennahme des Friedenspreises
des Deutschen Buchhandels am 22. Oktober 1978 in der Frankfurter Paulskirche
hielt:
Über den Frieden sprechen heißt über etwas sprechen,
das es nicht gibt. Wahren Frieden gibt es nicht auf unserer Erde und
hat es auch nie gegeben, es sei denn als Ziel, das wir offenbar nicht
zu erreichen vermögen. Solange der Mensch auf dieser Erde lebt,
hat er sich der Gewalt und dem Krieg verschrieben, und der uns vergönnte,
zerbrechliche Friede ist ständig bedroht. Gerade heute lebt die
ganze Welt in der Furcht vor einem neuen Krieg, der uns alle vernichten
wird. Angesichts dieser Bedrohung setzen sich mehr Menschen denn je
zuvor für Frieden und Abrüstung ein - das ist wahr, das könnte
eine Hoffnung sein. Doch Hoffnung hegen fällt so schwer. Die Politiker
versammeln sich in großer Zahl zu immer neuen Gipfelgesprächen,
und sie alle sprechen so eindringlich für Abrüstung, aber
nur für die Abrüstung, die die anderen vornehmen sollen. Dein
Land soll abrüsten, nicht meines! Keiner will den Anfang machen.
Keiner wagt es anzufangen, weil jeder sich fürchtet und so geringes
Vertrauen in den Friedenswillen des anderen setzt. Und während
die eine Abrüstungskonferenz die andere ablöst, findet die
irrsinnigste Aufrüstung in der Geschichte der Menschheit statt.
Kein Wunder, daß wir alle Angst haben, gleichgültig, ob wir
einer Großmacht angehören oder in einem kleinen neutralen
Land leben. Wir alle wissen, dass ein neuer Weltkrieg keinen von uns
verschonen wird, und ob ich unter einem neutralen oder einem nicht-neutralen
Trümmerhaufen begraben liege, das dürfte kaum einen Unterschied
machen.
Müssen wir uns nach diesen Jahrtausenden ständiger Kriege
nicht fragen, ob der Mensch nicht vielleicht schon in seiner Anlage
fehlerhaft ist? Und sind wir unserer Aggressionen wegen zum Untergang
verurteilt? Wir alle wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit,
uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir nicht
vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht
versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das
geschehen, und wo sollte man anfangen?
Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.
Sie, meine Freunde, haben Ihren Friedenspreis einer Kinderbuchautorin
verliehen, und da werden Sie kaum weite politische Ausblicke oder Vorschläge
zur Lösung internationaler Probleme erwarten. Ich möchte zu
Ihnen über die Kinder sprechen. Über meine Sorge um sie und
meine Hoffnungen für sie. Die jetzt Kinder sind, werden ja einst
die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas
von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden
bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft
sie leben wollen. In einer, wo die Gewalt nur ständig weiterwächst,
oder in einer, wo die Menschen in Frieden und Eintracht miteinander
leben wollen. Gibt es auch nur die geringste Hoffnung darauf, dass die
heutigen Kinder dereinst eine friedlichere Welt aufbauen werden, als
wir es vermocht haben? Und warum ist uns dies trotz allen guten Willens
so schlecht gelungen?
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, welch ein Schock es für
mich gewesen ist, als mir eines Tages - ich war damals noch sehr jung
- klar wurde, dass die Männer, die die Geschicke der Völker
und der Welt lenkten, keine höheren Wesen mit übernatürlichen
Gaben und göttlicher Weisheit waren. Dass sie Menschen waren mit
den gleichen menschlichen Schwächen wie ich. Aber sie hatten die
Macht und konnten jeden Augenblick schicksalsschwere Entscheidungen
fällen, je nach den Antrieben und Kräften, von denen sie beherrscht
wurden. So konnte es, traf es sich besonders unglücklich, zum Krieg
kommen, nur weil ein einziger Mensch von Machtgier und Rachsucht besessen
war, von Eitelkeit oder Gewinnsucht oder aber - und das scheint das
Häufigste zu sein - von dem blinden Glauben an die Gewalt als das
wirksamste Hilfsmittel in allen Situationen. Entsprechend konnte ein
einziger guter und besonnener Mensch hier und da Katastrophen verhindern,
eben weil er gut und besonnen war und auf Gewalt verzichtete.
Daraus konnte ich nur das eine folgern: Es sind immer auch einzelne
Menschen, die die Geschicke der Welt bestimmen. Warum aber waren denn
nicht alle gut und besonnen? Warum gab es so viele, die nur Gewalt wollten
und nach Macht strebten? Waren einige von Natur aus böse? Das konnte
ich damals nicht glauben, und ich glaube es heute auch nicht. Die Intelligenz,
die Gaben des Verstandes mögen zum großen Teil angeboren
sein, aber in keinem neugeborenen Kind schlummert ein Samenkorn, aus
dem zwangsläufig Gutes oder Böses sprießt. Ob ein Kind
zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn
für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten,
destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das
Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was
Liebe ist, oder aber dies nicht tun. "Überall lernt man nur
von dem, den man liebt", hat Goethe einmal gesagt, und dann muss
es wohl wahr sein. Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt
wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis
zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang.
Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen
gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber
wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören,
dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seine Grundhaltung
durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige
Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch
bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben - das ist erschreckend,
aber es ist wahr.
Blicken wir nun einmal zurück auf die Methoden der Kindererziehung
früherer Zeiten. Ging es dabei nicht allzu häufig darum, den
Willen des Kindes mit Gewalt, sei sie physischer oder psychischer Art,
zu brechen? Wie viele Kinder haben ihren ersten Unterricht in Gewalt
"von denen, die man liebt", nämlich von den eigenen Eltern
erhalten und dieses Wissen dann der nächsten Generation weitergegeben!
Und so ging es fort. "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben",
heißt es schon im Alten Testament, und daran haben durch die Jahrhunderte
viele Väter und Mütter geglaubt. Sie haben fleißig die
Rute geschwungen und das Liebe genannt. Wie aber war denn nun die Kindheit
aller dieser wirklich "verdorbenen Knaben", von denen es zurzeit
so viele auf der Welt gibt, dieser Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker,
dieser Menschenschinder? Dem sollte man einmal nachgehen. Ich bin überzeugt
davon, dass wir bei den meisten von ihnen auf einen tyrannischen Erzieher
stoßen würden, der mit einer Rute hinter ihnen stand, ob
sie nun aus Holz war oder im Demütigen, Kränken, Bloßstellen,
Angstmachen bestand.
In den vielen von Hass geprägten Kindheitsschilderungen der Literatur
wimmelt es von solchen häuslichen Tyrannen, die ihre Kinder durch
Furcht und Schrecken zu Gehorsam und Unterwerfung gezwungen und dadurch
für das Leben mehr oder weniger verdorben haben. Zum Glück
hat es nicht nur diese Sorte von Erziehern gegeben, denn natürlich
haben Eltern ihre Kinder auch schon von jeher mit Liebe und ohne Gewalt
erzogen. Aber wohl erst in unserem Jahrhundert haben Eltern damit begonnen,
ihre Kinder als ihresgleichen zu betrachten und ihnen das Recht einzuräumen,
ihre Persönlichkeit in einer Familiendemokratie ohne Unterdrückung
und ohne Gewalt frei zu entwickeln. Muss man da nicht verzweifeln, wenn
jetzt plötzlich Stimmen laut werden, die die Rückkehr zu dem
alten autoritären System fordern? Denn genau das geschieht zur
Zeit mancherorts in der Welt. Man ruft jetzt wieder nach "härterer
Zucht", nach "strafferen Zügeln" und glaubt dadurch,
alle jugendlichen Unarten unterbinden zu können, die angeblich
auf zu viel Freiheit und zu wenig Strenge in der Erziehung beruhen.
Das aber hieße den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt
auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt und zu einer tieferen und gefährlicheren
Kluft zwischen den Generationen. Möglicherweise könnte diese
erwünschte "härtere Zucht" eine äußerliche
Wirkung erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten
würden. Freilich nur so lange, bis auch sie allmählich zu
der Erkenntnis gezwungen werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt
erzeugt - so wie es von jeher gewesen ist.
Nun mögen sich viele Eltern beunruhigt durch diese neuen Signale
fragen, ob sie bisher etwas falsch gemacht haben. Ob eine freie Erziehung,
in der die Erwachsenen es nicht für selbstverständlich halten,
dass sie das Recht haben zu befehlen und die Kinder die Pflicht haben,
sich zu fügen, womöglich nicht doch falsch oder gefährlich
sei.
Freie und unautoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder
sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen,
was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen,
was sie selber übrigens gar nicht wünschen. Verhaltensnormen
brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer
Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden.
Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz
gewiß sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und
niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen.
Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und
allen Kindern wünschen.
Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen
Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal
eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit,
als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses "Wer die Rute
schont, verdirbt den Knaben". Im Grunde ihres Herzens glaubte sie
wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas
getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient
hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu
gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen
sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich
kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden
können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir
werfen." Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich
sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind muss gedacht haben,
"meine Mutter will mir wirklich wehtun, und das kann sie ja auch
mit einem Stein". Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und
beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein
Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung
an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte:
"NIEMALS GEWALT!"
Ja, aber wenn wir unsere Kinder ohne Gewalt und ohne irgendwelche straffen
Zügel erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht,
das in ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl
nur ein Kinderbuchautor erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie
ist. Und ganz gewiss gibt es in unserer armen, kranken Welt noch sehr
viel anderes, dass gleichfalls geändert werden muss, soll es Frieden
geben. Aber in dieser unserer Gegenwart gibt es - selbst ohne Krieg
- so unfassbar viel Grausamkeit, Gewalt und Unterdrückung auf Erden,
und das bleibt den Kindern keineswegs verborgen. Sie sehen und hören
und lesen es täglich, und schließlich glauben sie gar, Gewalt
sei ein natürlicher Zustand. Müssen wir ihnen dann nicht wenigstens
daheim durch unser Beispiel zeigen, dass es eine andere Art zu leben
gibt? Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein
auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für
die Kinder: NIEMALS GEWALT! Es könnte trotz allem mit der Zeit
ein winziger Beitrag sein zum Frieden in der Welt.
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